Brennende Leidenschaft - Carl 'The People's DJ' Cox

Carl Cox Inneres pulsiert vor Leidenschaft für DJing und Musik. Selbst im Interview schützt ihn nur sein Schweiß vor der Kernschmelze...

Damals wie heute

Das erste Mal habe ich Carl Cox als Jugendlicher im Fernsehen gesehen. Das war 1994 als Westbam & Co die “Raving Society” auf der Mayday ausriefen. Nachdem einige DJs schon das Feiervolk aufgekocht hatten, stand dann plötzlich Carl Cox an den Plattenspielern und erste Schweißperlen glänzten in seinem wuchtigen Nacken. Mit einem glücklichen und leicht schelmischen Grinsen legte er sein erstes Vinyl auf die Wheels Of Steel. Die großen Fingern hielten die Rille fest und für ein paar Sekunden hörte man nur noch die Raver krakeelen. Gelassen wie ein Buddha schleifte er dann die erste Bassdrum unter der Nadel durch: BAMM!

Gebannt vor dem Flimmerkasten schien die Halle unter der Wucht zu erzittern. Scratch – BAMM! Der kleine TV-Lautsprecher krächzte. Scratch – BAMM! Carl taucht ab. Scratch – BAMM! BAMM! BAMM! Der Track lief los, alles grölte vor Enthusiasmus.

Neun Jahre später

Heute ist Carl Cox 41 Jahre alt und immer noch kein bisschen müde. Nach seinem erfolgreichen Abend im U60311 strahlt er eine Gelassenheit und Freude aus, dass man richtig neidisch wird. Nicht weil hier ein Mann sitzt, der im DJ-Bizniz alles erreicht und durchgemacht hat, was einem DJ passieren kann, sondern weil er einfach ein Mensch ist, der im Einklang mit sich selbst ist. Der Brite, dessen Eltern aus Barbados stammen, spricht gerne, ist unkompliziert und vor allem humorvoll. Während ich das Interview noch einmal auf dem Minidisc abhöre schallt mir immer wieder sein volles und herzliches Lachen entgegen, übersteuert das kleine Gerät und ich muss noch einmal grinsen.

Ein langer Weg

Natürlich gibt es für Carl Cox genügend Gründe stolz, relaxt und zufrieden zu sein, denn er hat es geschafft zu einem der meist gebuchtesten DJs des Planeten zu werden. Liest man seine Biografie, so fehlt einfach gar nichts, keine einzige Station hat er ausgelassen. Neben zig Labels, hat Carl früh angefangen (illegale Rave) Parties zu organisieren. Obendrein hat er seine eigene Booking Agentur gegründet und junge Talente aufgebaut, war als Produzent erfolgreich und, und, und…

Aber das kommt nicht von ungefähr. Mehr als 20 Jahre treibt es den versierten Plattendreher nun schon in die Clubs und auf die Raves. Unermüdlich durchpflügte der Lebemann Täler und Höhen. Und, es hat immerhin 15 Jahre gedauert, bis die Leute endlich seinen Namen kannten, gesteht er im Interview.

“We can control technology”

Trotzdem ruht sich der Mann, den die Leute liebevoll “the people’s dj” nennen, keineswegs aus. Denn neue Geräte und der technologische Fortschritt geben dem DJ immer neue und interessante Tools an die Hand und das ist die Quintessenz, worum es sich bei Carl Cox dreht: das DJing auf die nächste Plattform zu hieven. Auf die naive Frage, wie und ob sich die DJ-Technik verändert hat, schaut er kurz verblüfft, überlegt kurz und resümiert: “Mann, es hat sich verdammt viel geändert. Die Filter haben sich immer weiter verbessert, das Signal aus dem Mischpult ist immer sauberer geworden und heute kannst Du selbstverständlich scratchen, was am Anfang meiner Karriere einfach nicht möglich war. Früher warst Du glücklich über Fader und wenn es einen Crossfader gab, dann hattest Du einen Rolls Royce von Mixer vor Dir. Heute denkst Du gar nicht mehr darüber nach, weil Du Effekte und Sampler im Mischpult hast und weitere Effekte über einen Kanal einschleifen kannst. Außerdem kannst Du dir unter einer Vielzahl von Plattentellern Deinen Favoriten herauspicken. Als ich angefangen hab, war alles viel puristischer.”

Sommer Of Love

1988 sorgte der heutige Jet Setter das erste Mal so richtig für Furore als er mit Hilfe von drei Turntables seinen Mix während des “Sunrise Rave” gestaltete. Der Rest ist Legende, aber noch heute wird er gerne mit “The 3-Deck Wizard” betitelt. Dabei ist Carl Cox schon längst wieder einen Schritt weiter. Mittlerweile gehören auch pitchbare CD-Player zu seinen Lieblingswerkzeugen. Zwar kann er sich die Arbeit ohne Vinyl nicht vorstellen, aber die digitalen Medien mit ihren neuen Möglichkeiten haben es ihm angetan: “Im Vergleich wie ich früher gearbeitet habe und wie ich heute mixe ist ein enormer Unterschied. Mit den heutigen Maschinen kannst du mehr kreieren. Da geht es mir nicht mehr nur ums klassische Mixen, sondern darum neue Blenden und Loops zu kreieren. Auf der einen Seite gibt es das Vinyl, ich nenne es Old-Skool Analog und dann gibt es die Effekte, Sampler und CD-Player, die nenne ich New-Skool Digital. Ich benutze beide Systeme, aber Du kannst eben mit einem Plattenspieler keine Loops abspielen. Manchmal während ich mixe, bekomme ich eine neue Idee. Dann loope ich den Sound, schick ihn durch einen Effekt, filtert’ ihn und: bang!”

Ein weiterer Kandidat für den Zukunfts-DJ ist da natürlich auch Final Scratch. Mit Chris Liebing, der Final Scratch schon seit längerem für seine Auftritte nutzt, hat sich Carl Cox schon unterhalten. Aber bis er das System einsetzt wird es wohl noch etwas dauern. Denn auch wenn der Zeremonienmeister längst nicht mehr zuhause übt, ein neues System will erst gecheckt und erlernt werden, damit es auch im Club funktioniert. Trotzdem wird Carl auch weiterhin seine Plattenkiste mitbringen, denn die ist doch irgendwie essentiell.

Auf die innere Stimme hören

Schon vor etwas längerer Zeit hat der Engländer seine eigene Booking Agentur verkauft. Vor allem deshalb, weil am Ende des Tages für ihn selbst als DJ keine Energie mehr übrig blieb. Dafür kostete der Aufbau von neuen DJs via Agentur und Label zu viel Kraft. Die Betreuung raubte die letzten Reserven und der DJ Carl Cox blieb auf der Strecke. Irgendwann wurde ihm klar, dass er sich wieder mehr um sich selbst, seine Gesundheit und seine Kunst kümmern musste.

Um fit zu bleiben achtet er nun genauer auf seine Ernährung, schaut, dass er bei Zeiten isst und arrangiert seine Auftritte in Übersee so, dass er vorher und nachher mindestens einen Tag frei hat. Während Carl Cox seine Erfahrungen erzählt, lacht er wieder einmal herzlichst und gesteht selbstironisch: “Aber das schaffe ich nicht immer…” Im Januar nimmt er sich dann meist eine Auszeit, besucht die Familie auf Barbados oder cruised auf dem Snowboard durch den Schnee mit seinen kanadischen Freunden.

Trotzdem erstaunt es einen zu hören, dass er seit er mit 15 in die Clubs gegangen ist nie einen Ohrschutz getragen hat: “Ich habe glücklicherweise nie einen Hörsturz gehabt und kann mich einfach nicht mit Ohrstöpseln anfreunden. Ich brauche diesen vollen Sound und muss ihn spüren. Natürlich haben meine Ohren an Hörpotential eingebüßt und sind sicherlich schlechter als früher, aber im Studio kann ich immer noch alles hören. Ich habe wohl auch ziemliches Glück.”

Trotzdem dreht er seltenst die Monitorboxen auf volle Lautstärke. Diese gehören zur obersten Priorität und Carl Cox kann da auch schon einmal ziemlich ärgerlich werden, wenn der Veranstalter schlampt und nicht die richtige Umgebung für den DJ zur Verfügung stellt: “Schließlich will er doch das beste von uns DJs, und wie sollen wir vernünftig arbeiten, wenn die Monitore Scheiße sind?!?”

Endlose Begeisterung

Ein weiterer sympathischer Charakterzug an Carl Cox ist seine Achtung für Gleichgesinnte. Zwar konzentriert er sich selbst auf seine explosive Mischung aus Techno und House, besitzt aber einen offenen Blick für das gesamte Spektrum der elektronischen Musik. Begeistert äußert er sich unter anderem über den brasilianischen Drum&Bass-Head DJ Marky, der das zersplitterte Genre in Subgenres mit Elan und Überzeugung wieder zusammengefügt hat und HipHop-Skills mit düsteren Tech-Step und Samba-Flair zu etwas Neuem kombiniert. Carl Cox brennt also nicht nur für sich vor Leidenschaft, sondern auch für andere – vor allem für sein Publikum.

Links zu Carl Cox

Website:www.carlcox.com