Hakan Lidbo - Produzent, Entertainer und Bizniz-Man
Pokerflat, Force Inc., Loaded, Raygun sind nur einige wenige Labelstationen von Hakan Lidbo. Der schwedische Produzent nimmt jede Herausforderung an, ob nun Clicks’n'Cuts, TechHouse, Latin House oder vocallastigen Disco. Für ihn zählt das Experimentieren und Voranschreiten und vor allem der Wille von jedem Stil etwas zu lernen. Die Synergieeffekte sind sein Ziel, also z.B. süd-amerikanische Rhythmuspattern mit den abstrakten Ideen der Clicks’n'Cuts zu kombinieren, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Das ist nämlich sein heimlicher Traum, der ihn antreibt.
Nichts würde Hakan Lidbo wohl stolzer machen, als wenn er eines Tages ein vollkommen jungfräuliches Genre aus der Traufe heben könnte. Das wie z.B. Drum’n'Bass für eine Weile die ganze elektronische Welt auf den Kopf stellt. Mit seinem neuesten Projekt Data 80 auf Force Inc. bleibt er jedoch vorerst auf dem Teppich der Tatsachen. Denn Data 80 ist Pop. Genauer gesagt 80er-Jahre-Synthie-Plastik-Pop mit den vielfältigen technischen Möglichkeiten, die uns heute die Hard- und Software bietet. Mit reichlich Vocoder-Vocals und humorvoll cheesigen Melodien rückt er als eine Art Virtual Songwriter Pop auf die Pelle. Wichtig ist dem Stockholmer hierbei, dass man seine Songs als Hommage versteht und nicht als stumpfes Herumreiten auf der 80er Jahre Welle. “Ich weiß, dass ich einigen meiner ‘Fans’ mit meinem neuesten Album wohl vor den Kopf stoßen werde, die mich vor allem für meine technoiden House-Tracks mögen. Aber bevor du ein Hakan Lidbo-Release kaufen solltest, rate ich dir vorher reinzuhören.”
Denn der Studio-Wizard produziert schnell sowie effizient und ist selten fleißig. Manchmal erscheinen in einer Woche sogar zwei Releases auf verschiedenen Labels. Das realisiert sich nur durch Engagement, Professionalität und Ausdauer. In der Regel produziert und braucht Hakan Lidbo für einen Track einen Tag. Während die Ideen und Sequenzen meist vormittags entstehen, mischt er die Stücke im Laufe des Nachmittags ab. Beim Arrangieren und Interpretieren der Tracks fühlt er sich wie ein Jazz-Musiker, da er diese oftmals in Echtzeit arrangiert und fertig stellt. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil er sein Equipment bis ins letzte die Detail kennt: “Ich bin ziemlich faul und hasse es Anleitungen zu lesen, darum halte ich meinen Geräten die Treue.”
So stellt man erstaunt fest, das seine alten Geräte immer wieder ihren Platz in seinen futuristischen Tracks finden. “Ich habe zwei Roland SH-101 und benutze sie in jedem Song. Außerdem produziere ich hauptsächlich mit zwei Yamaha DX7 digital, einem TX81-Z, einem Bit 99 (digitaler Synthie mit analogen Filtern), einem Roland JX10-p, einem Clavia Nord Modular, der ein unglaublicher und vielleicht der beste Synthie überhaupt ist und einen Yamaha JV-1080 Sampleplayer.”
Zusätzlich pflegt der Schwede auch noch einen Spleen für alte obskure Oldies und quietschiges Kinderspielzeug, das er vor allem bei seinen Live-Acts benutzt: “Während sich auf meinem Alesis ADAT acht schon aufgenommene Tracks befinden, setze ich auf der Bühne neben einem Boss 16-Kanal-Mischpukt zwei schrottige Boss-Effekt-Geräte ein. Weiterhin benutze ich ein Clavia D-Drum, einen Calvia Nord Modular, ein SM-58 Mikro, ein Spielzeug-Telefon, aus welchem ich alle Kaugummis bereits gegessen habe, eine Roboter-Spinne für verrückt spacige Geräusche, eine Spielzeug-Pistole, einen Nintendo Gameboy, ausgestattet mit einem 4-bit Little Sound DJ-Sequenzer Programm, und manchmal andere Gadgets, die ich in den Läden auf den Flughäfen dieser Welt finde. Es ist übrigens ziemlich einfach diese kleinen Gizmos zu öffnen und ihre angeschlossenen Lautsprecher direkt mit dem Mischer zu verbinden.”
Dabei haben die schrägen Gadgets neben ihren Soundfähigkeiten auch eine weitere wichtige Funktion für den Auftritt. “Der Grund warum ich keinen Laptop benutze ist der, das ich keinen besitze. Wenn ich einen hätte, würde ich während des Sets ausschließlich auf den Bildschirm starren. Ich glaube ich bin vor allem deswegen immer erfolgreich, neben der Tatsache, dass meine Musik ziemlich funky ist,” schmunzelt er mit einem Augenzwinkern, “weil ich all diese Maschinen dabei habe, sehr beschäftigt bin und viel improvisiere. Zwar variiere ich nicht in der Struktur, aber beim Filtern, Vocodern und Experimentieren mit den Spielsachen. Ein DJ kann fantastisch sein, aber die Leute sind es gewohnt eine Performance zu sehen und wollen miterleben, was du machst. Wenn du dich jedoch hinter Deinem Flatscreen versteckst, fehlt ihnen einfach der Entertainment-Faktor.”
Der Kern seiner Produktionen, um den sich alles versammelt, ist jedoch sein Akai Sampler S-6000. Wo andere Logic und Cubase zum Sample-Basteln benutzen, reduziert er zur Zeit noch die Programme ausschließlich auf ihre Funktion als Sequenzer. “Ich benutze nie Sampling-CDs. Fast alle meine Samples produziere ich selbst mittels meiner analogen Synths plus Effektgeräte oder sample von Vintage Vinyl.” Dabei befindet sich Hakan Lidbo immer noch auf Entdeckungsreise und stept durch die vielfältigen Funktionen seines Akais. Für ihn ist es in keinster Weise zwingend auf dem aktuellsten Stand der Technik zu sein. “Ich bin ziemlich konservativ, was das anbelangt und glaube das Equipment keinen großen Unterschied macht. Vor 30 Jahren haben sie bereits fantastische Musik produziert. Darum denke ich, ist es wichtiger das du deine Geräte beherrschst und sie mit jedem neuen Stück besser kennenlernst, um daraufhin mit ihnen intuitiv zu arbeiten.”
Neben seinem Sampler und einer durchorganisierten Bibliothek, in welcher er blind die richtigen Sounds findet, benutzt er nicht nur auf seinem neuesten Album immer wieder unterschiedliche Vocoder-Geräte, sondern auch auf seinen Live-Acts. Und auch hier sticht ein alter Weggefährte die neuesten Logic-Plug-Ins und die Nord Modular-Patches aus: der Korg DVP-1. Diesen beschreibt er als “warm and soulful”.
Der Produzent Hakan Lidbo, der in frühen Jungenjahren mit primitiven Ping-Pong-Aufnahmen begann, entpuppt sich somit als versierter und gerissener Produzent. Vor allem hat ihm auch seine Arbeit für die schwedische Pop-Industrie, die er vor vier Jahren verließ, einiges gelehrt. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen schieben sich seine crispen und klaren Produktionen in DJ-Mixen immer wieder in den Vordergrund. Gehört es doch zum Handwerk eines jeden Pop-Produzenten die Stimmen der SängerInnen gewieft abzumischen und das hat abgefärbt.
Nachwuchs-Produzenten gibt er vor allem zwei wichtige Tipps mit auf den steinigen Weg zum Erfolg: “Erstens sollten Monitor-Boxen die erste teure Anschaffung für ein Studio sein (bei mir sind es JBL 2312A). Wenn sich deine Tracks nach dem Mix-Down nicht korrekt anhören, liegt es wahrscheinlich nicht an deiner Software oder fehlenden Geräten, sondern schlicht an schlechten Boxen. Und zweitens solltest du neben den Tätigkeiten als Produzent vor allem deine Aufmerksamkeit auf Kommunikation richten. 50% meiner Zeit schreibe ich Emails, lecke Briefmarken und schicke neue Demos an die Labels. Ich kenne so viele Produzenten, die ausschließlich produzieren und deren Musik dann im Schrank verschwindet.”
So verwundert es einen gar nicht, dass der Teilzeit-Bizniz-Man neben Cubase 3.5, Logic 5, Pro Tools und Sonic Works vor allem zwei weitere Software-Programme zu seinen Top-Favoriten zählt: die Brenn-Software “Toast” und Outlook Express. Ohne diese beiden Standards würde er nach eigenen Angaben wohl keine Musik veröffentlichen, sondern immer noch alleine in seinem fensterlosen Studio in Stockholm ungeachtet der Welt vor sich hinproduzieren. (mo.)
