Jam'n'Spoon: Die eigene Zukunft in die Hand nehmen

Anfang der 90er waren Jam’n'Spoon ihrer Zeit weit voraus. Vor allem ihr Konzept Produzent-DJ und die Mischung aus Club und Charts galt ab Mitte der 90er als Geheimformel, die sie für sich bereits umgesetzt hatten…
The Age of Love
Jam’n'Spoon waren in den euphorischen Anfangszeiten von Techno einer der soliden Grundpfeiler moderner Dancemusic aus Deutschland. Anfang der 90er, als Techno-Hippietum mit seinem MDMA-geschwänderten Grinsen en vogue war, gehörten sie unumstritten neben Hardfloor zu den Lieblingsremixern vieler DJs. Doch auch die eigenen Produktionen wie “Stella” und das Doppel-Album “Trippomatic Fairytales” als Club- und Ambient-Release setzten Maßstäbe mit Innovation und weichem Sound.
Nicht zuletzt beweisen oft auch Mitstreiter die Größe eines Acts, wenn sie sich am Sound der Vorreiter orientieren oder sogar frech Samplen oder Klänge und Ideen nachbauen, siehe U96.
Teamwork
Hinter den beiden Synonymen Jam’n'Spoon stecken Rolf Elmer und Mark “Spoon” Löffel, der den meisten hinlänglich als DJ bekannt sein sollte. Heute kann man die Beiden als alte Hasen bezeichnen, die immer noch gemeinsam an Projekten und Ideen stricken.
Dabei gestaltet sich die Zusammenarbeit in der Regel in einer strengen Trennung der Kompetenzen. Während Jam el Mar studierter Musiker ist, ist Mark Spoon DJ, der sich selbst eher als “blind” bezeichnet, wenn es um Noten und Musiktheorie geht. Außerdem ist Jam derjenige, der die Sounds generiert und der als Produzent die Songs komponiert und baut. Trotzdem ist das in keinster Weise ein Nachteil, denn: “Wenn Mark wüsste, wie all die Geräte funktionieren, dann wäre er sicherlich nicht so frei in seinem Geschmack. Mark denkt ja nicht nur in Clubschemata, sondern ist eine Instanz, die mit seinen Ohren hört und Kommentare sowie Ideen beisteuert. Ich versuche die Anregungen dann zum klingen zu bringen.”
Das Mark Spoon das richtige Gespür für die Feiernden besitzt, hat er auch immer wieder unter Beweis gestellt – vor allem bei den abschließenden Loveparade-Kundgebungen an der Berliner Siegessäule. Wie ein selbstzufriedener Buddha hat er dort die Puppen tanzen lassen, gerne auch zu den aktuellen Eigenproduktion, sei es nun eine neue Single des Storm-Projektes oder eine aktuelle Jam’n'Spoon-Scheibe.
Trippomatic Fairytales 2004
Wer nun das neue Album hört, wird zuerst einmal verdutzt innehalten, denn dort sind so gut wie keine clubtauglichen Tracks zu hören. Dazu konstatiert Mark: “Als Jam’n'Spoon haben wir im Dance alles erreicht, was man erreichen kann. Ich weiß das es eine konträre Platte ist, aber wir sind mit fast 40 Jahren auch nicht mehr der gleiche Dance-Act von früher.”

Außerdem bewegt sich ein Projekt auch innerhalb des Zeitraumes, in welchem es nicht in den Medien oder Charts präsent ist. “Wir haben am Anfang auch wieder mit geraden Bassdrums angefangen. Dabei kam aber immer wieder das Gefühl auf, dass wir in einer Sackgasse mit dieser typischen Dance-Formel enden. Darum haben wir uns dann entschieden es einfach mal mit Songs zu probieren, die wir dann mit einer abgefahrenen Produktion gekoppelt haben.”, erklärt Rolf.
Digital Science
Als junger Mensch träumte Rolf Elmer immer von zwei Dingen: einem eigenen Moog und einem eigenen Ferrari. Beide Träume hat er sich erfüllt und als wir sein liebevoll chaotisch-geordnetes Studio betreten, fällt uns sofort die altgediente Synthesizer-Eminenz ins Auge. Der Moog beansprucht mit seinen Elementen und daraus resultierenden Steckverbindungen die ganze Seite der hinteren Studiowand für sich.
Auch das großartige und mit zahlreichen Fadern und Drehknöpfen versehene Mischpult breitet sich im Raum aus, und ist wohl eines der teuersten Regal-Elemente, die Rolf sein eigen nennt. Denn es dient zur Zeit so gut wie nur als Ablageplatz für CDs, das kleine Midi-Keyboard Oxygen-8 und ein paar aktuelle Zeitschriften.
Insgesamt gesehen resultiert das aus dem Umstieg auf die digitalen Möglichkeiten. Denn diesen hat auch der Frankfurter Produzent vollzogen. Die Vorzüge der neuen Plugins, virtuellen Mixer und Spuren liegen auf der Hand: “Du machst heute einen Mix und lässt ihn digital liegen und hörst dann drei Tage später herein, während du schon an einem anderen gearbeitet hast. Trotzdem sind die Regler genau an ihrem Platz wie zuvor. Auch kann ich heute abends bevor ich nach Hause fahre noch schnell einmal den Song auf CD aufnehmen und später im Autoradio hören. Dadurch fallen mir dann oft noch Fehler beim Mix auf.”
Trotzdem möchte er sich in der nahen Zukunft wieder mit dem Moog beschäftigen, der eben seine Eigenheiten hat, wie sie kein virtuelles Plugin simulieren kann. Denn obendrein klingt ein Moog heute anders als morgen, selbst wenn er nicht berührt wurde und dass hat seinen Reiz.
So ist es kein Wunder, dass das neue Album vollkommen im Computer abgemischt wurde, wohingegen Gitarren und Vocals eingespielt bzw. eingesungen wurden. Ob nun von Tricky im eigenen Studio mit Lieblingsmikrofon oder im Nebenraum des Studios.
Investieren in die Zukunft
Das Projekt Jam’n'Spoon erscheint zwar auf einem Major-Label trotzdem liegt die Produktion in den eigenen Händen des Erfolgsduo. “Wir binden uns nicht an große Apparate, sondern bestehen aus wenigen Leuten. Zur Zeit sind wir in einer (musik)wirtschaftlichen Talsohle, wir haben aber in unser eigenes Projekt investiert und wenn wir mit einem Musiker wie Jim Kerr von den Simple Minds zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir eben auch mal in die eigene Tasche greifen.” Einig sind sich die Beiden nicht nur bei den eigenen musikalischen Ansätzen. Rolf vertraut seinem Buddy auch bei der visuellen Gestaltung der Cover und überlässt ihm dieses Feld gerne, da Mark als Produktmanager des ehemaligen Logic-Labels (Snap, Dr. Alban, Cosmic Baby) reichlich Erfahrung sammeln konnte. Dabei bezeichnet sich Mark selbst als “vollinformierter” und “trendbewusster” Mensch, der Ideen für Videoclips umsetzt, die Produktion aber den Leuten vom Fach überlässt.
Dabei schöpfen die Beiden aus einem reichhaltigen Pool an kreativen und erfahrenen Menschen. Während so z.B. der Videoclip zu “be.angled” von Roman Kuhn (Tatoo) gedreht wurde, sind auf dem Album neben Jim Kerr und Tricky, begabte SängerInnen wie Plavka und Rae von Reamonn vertreten. “Die ganz große Kunst ist delegieren zu können, wenn man mit wenig Leuten Erfolg haben möchte. Da sollte man nicht ein Controlfreak sein, der alles an sich zu reißt. Ich würde mir darum nie anmaßen Regisseur für ein Videoclip zu sein. Ich sage zwar klar was ich denke, wie es aussehen sollte. Trotzdem darfst du den Leuten aber nicht die Kompetenz in ihrem Bereich absprechen.”, erklärt Spoon.
Einziger “Bleifuss” des neuen Albums ist laut Mark die fast unmögliche Umsetzung einer Tour. Neben vielfältigen Stilen, wäre es auch schwierig sämtliche Künstler auf eine Bühne zu bringen. Dennoch soll es aber ein einmaliges Event dieser Art geben.
DJ-Zukunft
Selbstzufrieden schaut Mark Spoon auf seine Tätigkeiten als DJ. Eigentlich könnte er seinen Koffer zuhause lassen, hat er doch so gut wie auf allen großen Raves, auf der Loveparade und in angesagten Clubs gespielt. Aber natürlich zieht es in weiter in die Clubs. Im Gegensatz zu früher verdienen die Großen im Biz zwar seit langem nicht mehr die exorbitanten Gehälter, aber es muss schließlich weitergehen. Er selbst orientiert sich mehr an “richtig guten” Clubs und will sich nicht an Großraum-Diskotheken binden. Die knicken zur Zeit in seinen Augen sowieso eine nach der anderen ein, weil sie auf das immergleiche Format setzen. Deswegen empfiehlt er dem Nachwuchs zu versuchen in den wenigen guten Clubs aufzulegen, die ein gutes Programm bieten, das Airport z.B.
“In dem Haifischbecken sollte man sich als junger DJ spezialisieren und nicht von links nach rechts schwimmen. Denn als junger DJ muss man sich erst seine Crowd erarbeiten und dazu sollte man homogen klingen. Den Geschmack der Masse zu treffen und zu mixen ist nicht schwer, aber einen eigenen Stil zu finden schon.” (Moritz Sauer)
Website: www.jamandspoon.de
