Kid Koala: "Tasty Bits - Liebevoll gescratchte Samples"

Wenn es jemanden gibt, der hingebungsvoll seine Platten kratzt, dann ist das Kid Koala. Der Turntablist kitzelt mit Liebe den Jazz aus der Rille und knetet sich seine ganz eigenen Hausaufgaben…
Fast eine Diplom-Arbeit
“Basin Street Blues” ist ein Dixieland Standard. Der Jazz-Song gehört in New Orleans zum guten Ton, zum allabendlichen Rückblick einer Band auf alte Zeiten. Ob Louis Armstrong, Sidney Bechet oder Frankie Laine und Jo Stafford, der von Spencer Williams komponierte Song wurde unendliche Mal verjazzt.
Eine Version eines virtuosen Turntablist fehlte noch, doch die hat nun Kid Koala bzw. Erik San nachgereicht. Zwar lässt sich seine Version von “Basin Street Blues” nicht mit Hilfe von drei Plattentellern und zwei Händen rekonstruieren, aber auf seiner Tour werden es ja auch mehrere Künstler sein, die das Stück aufführen. Die Album-Version wurde jedoch ausschließlich von Erik aufgenommen und besteht aus mehreren Ebenen. Dazu hat ihn sein Besuch in New Orleans vor drei Jahren inspiriert. Vom hitzigen Sud der Jazz-Kapellen gepackt, machte er sich zuhause daran seine eigene Studie zu realisieren. Für das Fundament des Songs war natürlich die Basslinie und die Akkorde der Blashörner verantwortlich. Den Bass summte er erst einmal auf seinen Rekorder, um ihn anschließen nach und nach mittels Bass-Samples zu rekonstruieren. Bei seiner Arbeit benutzt Kid Koala aber keineswegs elektronische Hardware, sondern ausschließlich Technics und Vestax-Plattenspieler. Letzterer wird vor allem für das extreme Pitchen von Sounds benutzt, da er so die Sounds auch ganze Oktaven transponieren kann.
Platten-Sortieren nach Instrumenten
Die größte Herausforderung bei der Rekonstruktion des Songs war vor allem die Suche nach den richtigen Samples für die einzelnen Instrumente. Vorwiegend sucht Erik auf Klassik-Platten nach einzelnen Klarinetten-, Trompeten- oder Basstönen und freut sich, dann wie ein Kind, wenn er wieder ein geeigneten Ton gefunden hat. Nachdem sämtliche Basstöne gefunden waren, wurde die gesummte Gesangslinie nach und nach durch die Vinyl-Samples ersetzt und am Ende schließlich ganz herausgenommen. Dieses Vorgehen nennt er Turntable-Bass und erklärt relaxt: “Ich kann zwar nicht Bass spielen, aber die Melodien sind ja in meinem Kopf.”

Als nächsten Schritt wurden dann die Horns arrangiert. Hilfreich waren in diesen Lernprozessen, dass der Song schon komponiert war, sprich arrangiert. Das minutiöse Auseinandernehmen des Originals und das erneute Arrangieren der Instrumente half ihm unglaublich beim Verständnis von Jazz-Arrangements. “Normalerweise scratche ich ja nur über Breaks und das hier war eine völlig neue Erfahrung für mich und ich wollte wissen ob es funktioniert.”
Dass das Jammen der Trompete für Erik am Ende nur noch ein Klacks war, wissen Fans sicherlich. Spätestens seit seinem unglaublichen Jazz-Track “Drunken Trumpet” haben aufmerksame Zuhörer eine Ahnung, was der Turntablist mit einem Trompeten-Sample so alles anfangen kann.
Zwischen Einsamkeit und Publikum
Wer Erik hinter seinen Plattenspielern erlebt hat, staunt nur begeistert und wünscht sich er würde auch so liebevoll gestreichelt und bearbeitet wie das schwarze Gold unter seinen Fingern. Während das Ausarbeiten von neuen Routines, Ideen und Songs zuhause ein unglaublich einsamer Job ist, genießt er es endlich in einem Raum mit Publikum zu stehen. Dabei strahlt er über das ganze Gesicht, macht während seiner Performance auch einmal einen Schritt zurück, lächelt amüsiert und bearbeitet kurz darauf weiter emsig Fader, Spieler und Vinyl.
Im Gespräch mit Erik macht er klar, dass diese Momente oft die wichtigsten für ihn sind. Immer wieder betont er, dass ein Turntablist in der Regel ein einsamer Mensch ist, der abgesondert an den heimischen Geräten bastelt und sich allein durch Berge von Material gräbt, um ein weiteres kleines Sample-Schätzchen zu entdecken. Denn am Ende geht es jedem DJ mit Herz darum durch seine Selektion sich selbst zu definieren, die Gilde weiter nach vorn zu treiben und etwas Neues entstehen zu lassen.
Natürlich gehört Kid Koala heute zu einem der bekanntesten Turntablists, der tourt und Bands wie die Beastie Boys oder Radiohead auf deren Touren unterstützt. Angefangen hat er jedoch wie die meisten anderen auch als Battle-DJ. Auf die Frage, was er denn heute von DJ-Championships hält antwortet er sympathisch: “Wie gesagt, Turntablists sind einsame Handwerker, weil sie über Monate ihre Sets komponieren. Battles sind meist die einzige Möglichkeit vor Publikum endlich die eigenen Routines auszuprobieren und sich auszudrücken. Natürlich sind die Battles mittlerweile stark reglementiert und die Jury schaut genau anhand von Checklisten, was der Künstler da produziert. Das beeinflusst natürlich auch die Sets, die du dementsprechend designst, damit sie beeindrucken und gute Noten bekommen.”
Trotzdem sieht er langsam den Punkt gekommen, an welchem sich solche Championships auch in eine Sackgasse bewegen: “Ich stimme darin mit Dir überein, wenn Du sagst, dass die Battles nicht unbedingt musikalisch sind. Für eine lange Zeit war der technische Aspekt der interessanteste Teil. Heute liegt der Neuigkeits-Aspekt aber in meinen Augen darin einen neuen Weg zu finden sich musikalisch und energetisch auszudrücken.” Vor allem meint Kid Koala damit, die eigene Persönlichkeit mit Hilfe von Plattenspielern auszudrücken, also den Transport der Gefühle wie Ärger, Melancholie oder Humor über die Rille und Sounds.
HipHop was my first love

Wer sich mit Genuss das zweite Kid Koala-Album “All My Friends Are DJs” anhört, der wird sich oftmals wundern, wenn er HipHop erwartet hat. Denn in der Regel sind die 15 Stücke eher Jazz, Ska oder Hörspiel als HipHop. Erik selbst bezeichnet seine Kunst passend als musikalisches Geschichten-Erzählen. Mal sind es “Sound-Effect-Stories”, mal sind es “Musical Stories” und mal sind es theatralische oder humoristische “Voice-Stories”, in denen Stimmen und Aussagen neu kombiniert werden.
Trotzdem ist das von seiner Philosophie her HipHop. Denn von HipHop hat er gelernt mit dem Format zu jonglieren. Das Kombinieren von Sounds, das in den 80ern unter HipHop-DJs üblich wurde, hat er sich bis heute als Kern seiner Arbeit bewahrt. “Die zentrale Idee der DJ Kultur ist ja ein Set zu kreieren, dass dich woanders hinträgt. DJing ist in der Regel das Verbinden von altem, um etwas neues zu generieren. Während Du alte Musik zitierst, haben DJs immer das Ohr für die Zukunft.”
Er selbst hat vor allem ein Ohr für alten HipHop. Auch wenn Erik nichts auf die aktuellen Tracks und das Mainstream-Phänomen von HipHop kommen lässt, so gräbt er selbst lieber alte Platten aus. Mit einem Augenzwinkern meint er, dass er optimistisch sei, was die Zukunft von HipHop anbelangt. Schließlich bietet der Mainstream oftmals den ersten Kontakt zu einer tiefer verwurzelten Szene. “Und die Kids, die dann selbst Beats basteln wollen, fangen dann sowieso automatisch an nachzuforschen und nach neuem zu suchen.”
Zum Schluss sollte man noch erwähnen, dass Erik San auch Comic-Zeichner ist und neben seiner musikalischen Tätigkeit, gerne mal zum Stift greift. Denn auch das ist für ihn eine Form des Geschichten-Erzählens, die er gerne mit seiner Musik verbindet – nicht nur auf Performance-Abenden. Deswegen wird dem Album auch ein Comic in einem ihm eigenen Stil beiliegen, womit er sich gekonnt gegen die Masse der Jewel-Case-Verbrecher absetzt. Wer jetzt noch einen fimschigen Download startet ist selbst schuld.
Links zu Kid Koala
Website: www.kidkoala.com
Label: www.ninjatune.com
