Paul van Dyk: Gefühl für Materie und Sound

Foto: Overdose
Paul van Dyk gehört definitiv zu Deutschlands beliebtesten DJs weltweit. Vor allem verdankt er seinen Erfolg seiner kontinuierlichen und energischen Arbeit an sich selbst. Mit Stolz kann der in Berlin wohnende Star-DJ auf seine Karriere blicken, die er sich langsam aber beständig aufgebaut hat.
Höchstwahrscheinlich besteht ein (Haupt)Teil seines Erfolges am konstanten Arbeiten an sich und seinen Eigenschaften. Unter anderem legte Paul schon früh die ersten Fundamentsteine für seine Karriere durch exzellente und erfolgreiche Trance-Produktionen in den frühen 90er.
Aber auch heute noch brennt der Mann und sprüht Funken wie eine Düsenjetturbine vor dem Abheben. Denn Paul van Dyk ist 100% von sich und seinem Tun überzeugt. Während des Interviews sprudelt er vor Mitteilungsbedürfnis, teilt Hiebe aus, wo er es für nötig hält, erklärt sich und sein Engagement in eigener Sache.
(Profi-) Materie
Als NoName-DJ schaut man schon neidisch auf die Möglichkeiten, die sich Paul van Dyk erarbeitet hat. Denn angefangen von seinen DJ-Werkzeuge bis hin zu seinem eigenen Studio, das Motto könnte lauten: "Nur vom feinsten, bitteschön!".
Aber ein Jetsetter kann sich keine Ausfälle leisten, wenn er in der Oberliga spielt und weitermitspielen möchte. Deswegen stellt es Paul auch als fast selbstverständlich dar heutzutage mit Final Scratch aufzulegen. Und während andere eventuell sogar mp3s im Mix benutzen, kommt für ihn nur die hochauflösende-16-bit-aif-Variante in Frage. Denn Qualität geht ihm über alles.
Genau aus diesem Grund laufen sämtliche Vinylscheiben, die später im Mix verwendet werden noch einmal durch sein ganz eigenes Mastering-Setup. "Dadurch klingen die meisten der Produktionen noch einmal wesentlich besser, als sie vorher auf Platte klangen." Noch Fragen?!?
Ein weiterer Punkt zum Set mit eigenem Charakter sind Pauls Weiterbearbeitungen: "Die Programme werden immer aufwendiger. In Zukunft kannst Du mehrere Spuren gleichzeitig laufen lassen.", schwärmt er und erklärt weiter. "Du kannst dann Deine eigenen Files spielen lassen und live arrangieren. Außerdem kannst Du Sound-Plugins integrieren. Von den Tracks, die ich selbst auflege, gibt es 99% nicht im Handel. Selbst wenn ich solche Stücke spiele, habe ich sie meist im Flugzeug noch einmal nachbearbeitet."
Aber was ist wenn der Rechner einmal abstürzt? "Die Wahrscheinlichkeit, dass der Computer abstürzt, ist unwahrscheinlicher, als dass die Platten vergessen werden. Ich habe natürlich schon ein ziemlich aufwendiges System: einen Custom-Made G4 Macintosh. Das ist, glaube ich, das Minimum was man im professionellen Bereich benutzen sollte. Damit hat man auch ein sehr zuverlässiges System. Und im Notfall habe ich auch alles noch als Backup auf CD."
Analog vs. Digital – Purer
Für Vinyl-Puristen hat Paul nur ein müdes Lächeln übrig und reagiert fast schon ein wenig übellaunig angesichts der Frage, denn: "Zunächst einmal muss ich den Leuten, die immer mit der 'Analog-Geschichte' kommen, sagen, dass sie ihren Kram ja auch Digital auf DAT aufnehmen. Niemand mastered heute noch auf Bandmaschinen. Mich interessieren diese ganzen kranken Philosophien nicht. Die Frage ist doch: 'Was ist gut für die Sache? Und was ist gut für die Leute als auch gut für mich?' Ich halte nicht viel von Vinyl-Puristen."
Außerdem sieht der heißbegehrte Plattendreher auch ungemeine Vorteile in der Verwendung von Final Scratch. Vor allem bietet die digitale Arbeitsumgebung neue Anstöße. Denn das Programm gibt ihm eine größere Übersicht über seine Trackauswahl. Wo bei einer sortierten Plattenkiste die Scheiben, die vorne einsortiert wurden, womöglich nie mit dem hinteren Teil kombiniert werden, weil man sich immer von vorne nach hinten wühlt, ergeben sich durch die übersichtliche Sortierung der Festplatte neue Kombinationsmöglichkeiten.
Nur vom Feinsten
"Man braucht, um eine Idee niederzunageln, kein großes Studio."
Neben seinem luxuriösen DJ-Setup verwendet Paul van Dyk auch an anderer Stelle ausschließlich hochwertiges Material. Dazu gehören neben Foto-Shootings mit dem bekannten Fotografen Olaf Heine auch ein umfangreiches und stylishes Booklet für sein Album. Auch bei der Produktion der Musik verwendet er, wie ein Gourmet-Koch, nur edle Zutaten.
So wurden unter anderem die Vocals extra in einem separaten Studio aufgenommen mit Tontechnikern, die ihren Job 100% verstehen und erst anschließend zu einer Einheit im eigenen Studio zusammengegossen.
Trotzdem lässt Paul nicht die Ausrede gelten, dass man erst mit einem voll ausgestatteten Studio richtig gute Musik produzieren kann. Zwar lässt er sich gerade selbst sein Studio nach eigenen Ideen von einem Ingenieur konzipieren, aber in seinen Augen reicht schon ein moderner PC mit Audiologic, integriertem Sampler und ein paar Plugins. "Da sollte man, auch wenn es am Anfang weh tut, ein wenig investieren. Denn wenn Du Maler bist, kaufst Du Dir ja auch vernünftige Leinwände samt Ölfarben."
Lieblingssynthies
Auch wenn das neue fertige Studio ohne reguläres Mischpult rein digital funktioniert und genau auf die Parameter von Audio Logic zugeschnitten sein wird, so wird es jedoch weiterhin Inserts, also digitale Schnittstellen für externe Hardware, geben. Wichtige Voraussetzungen bei den Produktionen sind in seinen Augen, ein sachkundiges Wissen der physikalischen Tatsachen. Also wo die einzelnen Sounds sitzen und wie sie abgemischt werden, als auch eine Auseinandersetzung mit den Geräten. "Elektronische Musik produzierst Du zu einem großen Teil nicht nur als Musiker, sondern Du solltest auch als Engineer kreativ tätig sein. Wer seine Maschinen gut kennt, kann einiges aus ihnen herauskitzeln." Deswegen räumt er seinen Synthies unterschiedliche Einsatzgebiete ein. So schwärmt er zum Beispiel für den Korg Trinity, der "unglaublich geile" Flächen daherzaubert, jedoch nicht so saubere Sequenzen produziert wie sein Supernova Synthesizer von Novation. Für Bässe nutzt er gerne die druckvollen Qualitäten seines JV1080. Alles andere was aus der Roland-Maschine kommt, bezeichnet er als "arm und Scheisse."
Studio-Tipps & Tricks
Beim Engineering geht es nach Paul nicht nur darum geschickt nach pyhsikalischen Grundlagen abzumischen, denn das klingt einfach "völlig bescheuert", sondern ein Gefühl für die Musik gepaart mit Wissen zu erlangen. "Am besten stellst Du Dich in die Mitte eines Raumes und schließt die Augen. Stell dir vor Du hörst jetzt dein Musikstück. Wo möchtest du dass die Klänge am liebsten auf deinen Körper treffen? In der Regel solltest Du die Bassdrum in der unteren Magengegend spüren, und den Bass in der Unterschenkelgegend. Da gibt es natürlich auch klar definierte Grenzen, wo der Bass funktionieren sollte und wo die Bassdrum. Schließlich brauchen beide Elemente genügend Raum um gegenseitig zu atmen. Außerdem ist es hilfreich, wenn man sich die Funktionsweise eines Lautsprechers vorstellt. Wie funktioniert der? Da ist der Magnet und eine Spule, die sich bewegen. Wenn man dem Lautsprecher im gleichen Frequenzbereich zu viel Informationen gibt, ist es deshalb logisch, wenn der Sound anschließend matschig und undefiniert klingt."
Der wichtigste Tipp jedoch ist, sich ein eigenes Gefühl und Gehör zu verschaffen, dass einem hilft zu differenzieren und seine eigenen Soundvorstellungen in die Tat umzusetzen. Denn Paul meint dazu selbst: "Ich arbeite nicht nach einem Schema, sondern nach Ideen. Da gehören Lyrics dazu, Sounds, etc. Vielleicht liegt es auch an meiner DJ-Tätigkeit, dass ich ein Gefühl dafür habe, wann ein Break kommen sollte und wann nicht – da entwickelt man über die Zeit einfach ein Gefühl. Musik ist ein Gespräch, das auch etwas mit Übung und Engagement zu tun hat." Punkt.
Artikel veröffentlicht im DJ-Magazine | Datum 11.03.2004
